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Offener Brief an Nike Wagner PDF Drucken einem Freund erzählen


Am 22. November 2018 äußerte sich Prof. Dr. Nike Wagner in einem Forum der Rhein-Neckar-Zeitung u.a. zu den Gerichtsverfahren gegen Siegfried Mauser. Prof. Dr. Bernd Redmann, Präsident der Hochschule für Musik und Theater München, wendet sich mit einem Offenen Brief gegen jede Verharmlosung von Straftaten, sexueller Belästigung und Machtmissbrauch:

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Wagner,

wie in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 24. November 2018 berichtet (»Nike Wagner: Hochgetrieben zur Hexenjagd«), äußerten Sie sich im RNZ-Forum am 22. November 2018 im Heidelberger Theater gegenüber dem Chefredakteur der RNZ Dr. Klaus Welzel zur Causa Siegfried Mauser, dem früheren Präsidenten der Hochschule für Musik und Theater München, meinem Amtsvorgänger. Sie urteilten dabei über die Debatte um sexuelle Verfehlungen von Professor Dr. Mauser. Die Gründe für die juristische Verfolgung seiner sexuellen Übergriffe sehen Sie, dem Bericht zufolge, als »böswillige Intrige« gegen Herrn Mauser, »angezettelt in Inneren der Münchner Musikhochschule«.

Als amtierender Präsident eben dieser Hochschule für Musik und Theater München möchte ich Ihnen dazu mit klaren Worten entgegentreten: Auch große Kunst schützt Menschen nicht davor, strafbare Handlungen zu begehen. Herr Mauser wurde in diesem Herbst rechtskräftig wegen sexueller Nötigung mit Gewalt zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. In einem zweiten Verfahren wurde er erstinstanzlich wegen sexueller Nötigung mit Gewalt zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Dieses Urteil ist aktuell noch in der Revision.

Unabhängig vom Ausgang dieses zweiten Verfahrens ist schon heute klar: Siegfried Mauser hat sich strafbar gemacht. Er hat juristisch bewiesenermaßen mindestens einer Frau großes Leid zugefügt. Zahlreiche weitere Frauen haben im Laufe der Prozesse von übergriffigem Verhalten durch Herrn Mauser und, damit verbunden, teilweise von traumatischen Erfahrungen berichtet.

Wenn Sie - wie in der Rhein-Neckar-Zeitung jüngst nachzulesen - die erhobenen Vorwürfe mit dem Satz zu relativieren versuchen: »Frauen, die einen Job wollen, sind auch nicht immer nur Engel«, diskreditieren Sie alle Betroffenen von sexueller Belästigung und Gewalt. Um es klar zu sagen: Die amtierende Vizepräsidentin der HMTM, Frau Prof. Christine Schornsheim, hat gegen Herrn Mauser, ihren damaligen direkten Vorgesetzten und Kollegen, wegen sexueller Nötigung geklagt - und Recht bekommen.

All diejenigen, welche die Verfolgung strafbaren Handelns von Herrn Mauser als »böswillige Intrige« oder gar als »Hexenjagd« der Hochschule für Musik und Theater München beschreiben, machen es sich zu einfach. Es gibt keine »Intrige« und auch keine »Hexenjagd« an unserer Hochschule. Worum geht es wirklich? Der langjährige Präsident einer renommierten Kulturinstitution, ein geschätzter Musiker, Musikwissenschaftler und Kämpfer für die Neue Musik, hat sich strafbar gemacht. Er hat seine herausgehobene Position ausgenutzt. Und er hat unserer Hochschule dadurch Schaden zugefügt.

Als Ausbildungsinstitution stehen wir in besonderer Verantwortung für die Zukunft des Kulturbetriebs. An der Hochschule für Musik und Theater München ist kein Platz für sexuelle Belästigung. Übergriffiges Verhalten, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch tolerieren wir in keiner Weise. Wir haben die Vorwürfe und die aktuelle Debatte zum Anlass genommen, an unserer Hochschule konkrete Maßnahmen zu treffen, um den bestmöglichen Schutz für Betroffene herzustellen, haben unsere Beratungsangebote deutlich verbessert und führen eine intensive interne Diskussion, wie wir alle unsere Hochschulmitglieder weiter aufklären und sensibilisieren können. Vor allem werden wir möglichen Übergriffen massiv entgegentreten. Für keine Form der sexuellen Belästigung darf es die Ausrede künstlerischen Tuns oder künstlerischer Freiheit geben.

Wir brauchen den Diskurs, den die #MeToo-Debatte in die Öffentlichkeit gebracht hat. Betroffene, die sich trauen, von ihren Erlebnissen zu berichten, müssen wir ermutigen und nicht, wie Sie es in dem benannten Beitrag tun, stigmatisieren. Es braucht Mut, Entschlossenheit und eine ausgeprägte Kritikfähigkeit, um tradierte Narrative zu durchbrechen. Dafür setzt sich die Hochschule für Musik und Theater München ein, auch ich ganz persönlich tue das.

Die Hochschule für Musik und Theater München steht für Exzellenz in der künstlerischen und künstlerisch-pädagogischen Ausbildung. Unsere Studierende feiern Erfolge bei internationalen Wettbewerben, bei der Besetzung von Orchesterstellen, im solistischen Bereich. Auch als Lehrerinnen und Lehrer an Musikschulen oder allgemeinbildenden Schulen leisten sie in ihrem späteren Berufsleben hervorragende Arbeit. Diese Erfolge verdanken wir der verantwortungsvollen und intensiven Ausbildungsarbeit unserer Lehrenden.

Aber wir müssen noch weiter gehen: Wir setzen alles daran, dass die zukünftigen Künstlerinnen und Künstler, die zukünftigen Pädagoginnen und Pädagogen nicht nur in ihrem jeweiligen Fach exzellent sind, sondern dass sie mit einem klaren Verständnis von Verantwortung und Respekt ausgebildet werden und dieses in die nächste Generationen weitertragen. Der Mythos vom künstlerischen Genie, dem alles erlaubt ist, die Tradition des Opfers, das selbst an allem die Schuld trägt, oder ein Verharmlosen von Vorfällen sind falsch und aus der Zeit gefallen. Dies gilt auch in der Kunst.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Bernd Redmann
Präsident der Hochschule für Musik und Theater München
(München, 30.11.2018)